Alfred Graf von Schlieffen, Gesammelte Schriften 1 (1913), S.27-30; 265-266.

 

DIE SCHLACHT BEI CANNAE

 

Von ALFRED GRAF VON SCHLIEFFEN

 

Am 2. August 216 v. Chr. stand in der apulischen Ebene links des Aufidus (Ofanto) bei dem nahe der Fluamundung gelegenen Dorfe Cannae 1 das Heer Hannibals, mit der Front nach Westen, dem Heere des Konsuls Terentius Varro gegenueber. Letzterer, dem der taeglich wechselnde Oberbefehl von dem anderen Konsul Aemilius Paullus uebergeben war, hatte

     55 000 Schwerbewaffnete,

      8 000 Leichtbewaffnete,

      6 000 Reiter

     69 000 Mann

zur Hand and in den beiden befestigten Lagern

     2 600 Schwerbewaffnete,

     7 400 Leichtbewaffnete

     10 000 Mann

     weiter zurueck zu seiner Verfuegung, so dass die Gesamtstaerke des roemischen Heeres sich auf 79 000 Mann belief.

Hannibal verfuegte nur ueber

     32 000 Schwerbewaffnete,

      8 000 Leichtbewaffnete,

     10 000 Reiter

     50 000 Mann.

Mit einem betraechtlich ueberlegenen Feind vor sich, dem Meere hinter sich, befand er sich in einer keineswegs guenstigen Lage. Dennoch hatte Aemilius Paullus in Uebereinstimmung mit dem Prokonsul Servilius eine Schlacht vermeiden wollen. Beide fuerchteten die ueberlegene karthagische Reiterei, der Hannibal die Siege am Ticinus, an der Trebia and am Trasimenischen See hauptsaechlich verdankte.

Terentius Varro wollte trotzdem die Entscheidung suchen and die erlittenen Niederlagen raechen. Er rechnete auf die Oberlegenheit seiner 55 000 nber die 32 000 feindlichen Schwerbewaffneten, die nur aus 12 000 Karthagern, aber 20 000 iberischen and gallischen, an Bewaffnung and Ausbildung nicht vollwertigen Hilfsvoelkern bestanden 2. Um den Angriff mit erhoehtem Nachdruck ausfuehren zu koennen, gab Terentius seinem Heere eine neue Schlachtordnung. Reglementsmaessig wuerden die Schwerbewaffneten in drei dicht aufgeschlossenen Treffen aufgestellt worden sein, die beiden vorderen gleichstarken Treffen (Hastati and Principes) mit 4000 Mann in der Front und in zusammen 12 Gliedern, 3 das dritte Treffen (Triarii) von nur halber Staerke in 160 gleichmaessig verteilten Kolonnen zu 60 Mann (10 in der Front and 6 in der Tiefe) dicht dahinter. Diese ihm zu flach erscheinende Aufstellung von 18 Gliedern vertiefte der Oberbefehlshaber auf 36 Glieder mit einer Frontbreite von 1600 Mann. 4 Die Reiterei verteilte er auf die Fluegel. Die Leichtbewaffneten, bestimmt, das Gefecht einzuleiten, den Feind zu umschwaermen, die Reiterei zu unterstuetzen, kamen auf beiden Seiten wenig in Betracht.

Hannibal stellte der feindlichen Front nur seine 20 000 Iberer and Gallier entgegen, die etwa 12 Glieder tief gestanden haben moegen. Den groesseren Teil seiner Kavallerie unter Hasdrubal brachte er auf den linken, die leichte numidische Reiterei auf den rechten Fluegel. Hinter diese Reitereien wurden die 12 000 Mann des schweren karthagischen Fussvolks zu gleichen Teilen gestellt.

Beide Heere gehen gegeneinander vor. Hasdrubal ueberwaeltigt die schwaechere feindliche Kavallerie des rechten Fluegels. Die roemischen Ritter werden niedergemacht, in den Aufidus geworfen oder zersprengt. Der Sieger geht hinten um die feindliche Infanterie herum gegen die roemische Kavallerie des linken Fluegels vor, die bis dahin nur mit den leichten numidischen Reitern scharmuetzelt hatte. Von beiden Seiten angegriffen, werden auch hier die Roemer voellig geworfen. Nach Vertilgung der feindlichen Kavallerie wendet sich Hasdrubal gegen den Ruecken der roemischen Phalanx.

Inzwischen waren auch die beiden Infanteriemassen vorgerueckt. Beim Zusammenprall werden die gallischen and iberischen Hilfsvoelker zurueckgedrueckt nicht sowohl durch die Wucht des Stosses der 36 roemischen Glieder, als infolge der schlechteren Bewaffnung and der minderen Uebung im Nahkampf. Die Vorwaertsbewegung der Roemer kommt jedoch zum Stehen, sobald die zurueckgehaltenen Fluegelstaffeln der Karthager herangekommen and links and rechts gegen die Flanken des Feindes eingeschwenkt sind, und sobald Hasdrubals Reiter den Ruecken der Roemer bedrohen. Die Triarier machen kehrt, die Manipeln beider Fluegel schwenken nach aussen ab. Ein laengliches volles Viereck ist zum Halten gezwungen, hat nach allen Seiten Front gemacht and wird von allen Seiten angegriffen, durch die Infanterie mit kurzen Schwertern, durch die Kavallerie mit im dicken Haufen nicht fehlenden Wurfspiessen, Pfeilen and Schleuderkugeln. Die Roemer werden immer mehr zurueck- und immer mehr zusammengedrueckt. Hilf- and wehrlos erwarten sie den Tod. Hannibal, hasserfuellten Herzens, umkreist die Staette der Blutarbeit, hier die Eifrigen ermunternd, dort die Laessigen schmaehend. Erst nach Stunden lassen seine Soldaten ab. Muede der Metzelei, nehmen sie die zuletzt uebriggebliebenen dreitausend gefangen. Auf engem Raum waren 48 000 Leichen zu Bergen geschichtet. Aemilius Paullus and Servilius waren gefallen, Varro mit einigen Reitern, wenigen Schwerbewaffneten, der Menge der Leichtbewaffneten entkommen. Im Dorfe Cannae and in den beiden Lagern fielen noch Tausende in die Haende der Sieger. Diese selbst hatten an 6000 Mann verloren. Zumeist waren die Iberer and Gallier betroffen.

Eine vollkommene Vernichtungsschlacht war geschlagen, bewunderungswuerdig besonders dadurch, dass sie allen Theorien zum Trotz mit einer Minderheit gewonnen war. „Konzentrisches Wirken gegen den Feind ziemt dem Schwaecheren nicht”, hat Clausewitz, „der Schwaechere darf nicht auf beiden Fluegeln zugleich umgehen”, hat Napoleon gelehrt. Der schwaechere Hannibal hat aber, wenn auch unziemlicherweise, konzentrisch gewirkt, and nicht nur auf beiden Fluegeln, sondern sogar gegen den Ruecken des Feindes umgangen.

Waffen and Kampfesart haben sich seit 2000 Jahren voellig geaendert. Man geht sich nicht mit kurzen Schwertern zu Leibe, sondern man beschiesst sich auf Tausenden von Metern; der Bogen ist durch das Ruecklaufgeschuetz, die Schleuder durch das Maschinengewehr ersetzt worden. An die Stelle von Metzeleien sind Kapitulationen getreten. Die grossen Schlachtbedingungen sind indes unveraendert geblieben. Die Vernichtungsschlacht kann heute nach demselben Plane, wie ihn Hannibal in vergessenen Zeiten erdacht hat, geschlagen werden. Die feindliche Front ist nicht das Ziel des hauptsaechlichsten Angriffs. Nicht gegen sie brauchen die Waffen versammelt, die Reserven aufgestellt zu werden; das Wesentliche ist, die Flanken einzudruecken. Sie duerfen nicht in den Fluegelspitzen der Front, sondern muessen in der ganzen Tiefe and Ausdehnung der feindlichen Aufstellung gesucht werden. Vollendet wird die Vernichtung durch einen Angriff gegen den Ruecken des Feindes. Hierzu ist in erster Linie die Kavallerie berufen. Sie braucht nichtintakte Infanteriezu attackieren, sondern kann zunaechst mit Fernwaffen den feindlichen Massen Verderben bringen.

Eine Vorbedingung des Gelingens ist freilich, dass der Gegner in tief gegliederter Aufstellung mit aufgehaeuften Reserven die Front verkuerzt, die Flanken vertieft, die Zahl der zur Untaetigkeit verurteilten Kaempfer vermehrt. Es war das Glueck Hannibals, einen Terentius Varro sick gegenueber zu finden, der seine Ueberlegenheit dadurch beseitigte, dass er die Infanterie 36 Mann tief aufstellte. Feldherren seiner Schule haben sich zu allen Zeiten gefunden, nur nicht in derjenigen Periode, in der sie fuer Preussen am erwuenschtesten gewesen waeren.

 

Eine vollkommene Schlacht bei Cannae ist in der Kriegsgeschichte nur selten zu finden. Denn zu ihr gehoert auf der einen Seite ein Hannibal, auf der anderen ein Terentius Varro, die beide in ihrer Weise zur Erreichung des grossen Zweckes zusammenwirken.

Ein Hannibal muss die Ueberlegenheit der Zahl wenn nicht haben, so doch zu entwickeln verstehen. Dazu ist ein Feldherr wuenschenswert, der etwas von einem Scharnhorst an sich hat, von einem Friedrich Wilhelm I. oder Wilhelm I., der eine feste Armee zusammenfuegt, von einem Moltke, der sie ausschliesslich gegen den Hauptgegner vereinigt, von einem Friedrich dem Grossen, der alle Geschuetze and Gewehre in Taetigkeit bringt, von einem Friedrich dem Grossen oder Napoleon, der gegen die Flanke oder den Ruecken den Hauptangriff fuehrt, von einem Friedrich dem Grossen oder Moltke, der den fehlenden Hasdrubal durch ein natuerliches Hindernis oder die Grenze eines neutralen Staates ersetzt. Endlich sind Unterfuehrer vonnoeten, die diszipliniert, in ihrem Handwerk ausgebildet sind and Verstaendnis fuer die Absichten des Feldherrn besitzen.

Ein Terentius Varro hat eine grosse Armee, aber er tut nicht sein Aeusserstes, um sie zu vermehren and zweckmaessig auszubilden. Er bringt nicht seine Kraefte gegen den Hauptgegner zusammen. Er will nicht durch die Ueberlegenheit des Feuers von mehreren Seiten siegen, sondern durch die Wucht einer Masse, die schmal and tief gegliedert sich die feindliche Front als die widerstandsfaehigste Seite zum Angriff ausersieht.

Alle diese wuenschenswerten Vorbedingungen werden weder auf der einen noch auf der anderen Seite vereinigt gefunden werden. Einige Eigenschaften des Hannibals and einige Mittel, ueber die er verfuegte, haben immerhin auch andere Feldherren besessen. Terentius Varro auf der anderen Seite hat zu allen Zeiten Schule gemacht. So ist es gekommen, dass, wenn auch abgesehen von Sedan, kein vollkommenes Cannae, so doch eine ganze Reihe von annaehernden Vernichtungsschlachten geschlagen worden and dass diese gerade an den Wendepunkten der Geschichte zu finden sind.

    

1 Hans Delbrueck, Geschichte der Kriegskunst, I.

2 Die Schwerbewaffneten (Hopliten) waren im allgemeinen mit Helm, Brustharnisch, Beinschienen, rundem Schild, Speer and kurzem Schwert ausgeruestet. Die Iberer and Gallier hatten als Schutzwaffen nur den Helm and einen grollen Schild.

3 Die Aufstellung der Treffen erfolgte nicht in zusammenhaengender Linie, sondern in sechsgliedrigen Manipelkolonnen mit geringen Zwischenraeumen.

4 Beide Aufstellungen, die flache wie die tiefe, erfordern 57 600 Mann. Es fehlen also 2600 Mann an der Sollstaerke.