Historische Zeitschrift 103 (1909), S. 237-273.

 

HANNIBAL ALS STAATSMANN 1

 

Von JOHANNES KROMAYER

 

  Man ehrt die Manen eines großen Forschers nicht dadurch, daß man das, was er im Leben gesagt hat, unverbrüchlich und unverändert festhält, sondern indem man in seinem Geiste weiter zu forschen versucht, selbst auf die Gefahr hin. mit ihm dadurch in Widerspruch zu geraten.

  Diese allgemein anerkannte Wahrheit glaube ich in besonders hohem Maße auf Theodor Mommsen anwenden zu dürfen, dessen unbestechlicher Wahrheitssinn uns als hauptsächlicher Charakterzug seines Wesens ja erst ganz vor kurzem wiederum von berufener Hand so treffend geschildert worden ist.2

  So bitte ich Sie denn, es als eine Huldigung für den Geisteshelden anzusehen, dem unser heutiges Zusammensein gilt, wenn ich im Anschlusse und zum Teil im Gegensatze zu seiner Darstellung Ihnen ein Bild von Hannibal als Staatsmann zu entwerfen versuche, wie es sich mir in Anlehnung an die neueren Einzelforschungen über diesen Gegenstand gestaltet hat.3 Nicht Hannibal als Feldherr soll uns heute hier beschäftigen, der durch seine glänzenden Siege Roms festen Staatsbau bis in die Grundfesten erschütterte. Diese Seite seines Wesens ist in aller Munde, und wenn man den Namen des Helden von Cannä ausspricht, so verbindet sich mit dem Gedanken, wie bei Cäsar und Napoleon, unwillkürlich in erster Linie das Gedächtnis seiner militärischen Großtaten.

  Aber weit mehr noch als bei jenen beiden Männern ist darüber vielfach die staatsmännische Tätigkeit des großen Puniers in den Hintergrund getreten, eine Tatsache, die um so begreiflicher erscheint, als ja Hannibal nie dazu gekommen ist, seine Gedanken auf diesem Gebiete in die Tat umzusetzen. Das hätte im Großen erst nach glücklicher Beendigung des Krieges gegen Rom geschehen können, und so weit ist er ja nie gelangt.

  Aber wir besitzen doch in unserer Überlieferung Ansätze zu solchen Handlungen, Taten mehr im Kleinen und niedergeschriebene Entwürfe zu Größerem, die uns deutlich seine Ziele verraten, und wir besitzen endlich die Kenntnis der ganzen politischen Situation, wenigstens in großen Zügen, eine Kenntnis, die uns vielleicht erlaubt, die Lücken der Überlieferung mit vorsichtiger Hand aus dem Geiste des gesamten ihn umgebenden Welt- und Staatslebens zu ergänzen.

  Bei der Arbeit, alles dieses zu verwerten und sich zugleich von unserer sehr stark römisch gefärbten Überlieferung loszumachen, ist nun in der Tat die neuere Forschung zu einer vielfach anderen Auffassung gekommen, als sie uns allen von unserer Jugend her durch Mommsens glänzende und lebendige Schilderung geläufig geworden ist.

  Hamilkar Barkas, Hannibals Vater — so lautet etwa die Mommsensche Ansicht 4 — war zwar mit tiefem Groll im Herzen am Ende des Ersten Punischen Krieges aus Sizilien gewichen, aber doch nach ehrlichem Kampfe und mit ehrlichem Frieden. Da benutzte der römische Senat den großen Söldneraufstand, der sich an den Abschluß des Kampfes mit Rom in Afrika anschloß und der das schon erschöpfte Karthago an den Rand des Verderbens brachte, um dem geschwächten Rivalen neue Zugeständnisse und Demütigungen abzupressen. Wider die geschlossenen Verträge nicht minder als gegen Recht und Billigkeit zwang er Karthago durch Androhung einer neuen Kriegserklärung zur Abtretung Sardiniens und zur Zahlung einer neuen großen Geldsumme.

  Die wütendste Entrüstung über diese Ungerechtigkeit eines unerbittlichen und seinen Vorteil schamlos ausbeutenden Gegners erfüllt die Herzen der Wehrlosen. Aber es gibt keine Wahl. Schweigend duldet und zahlt Karthago.

  Doch die Besten des Volkes legen den neuen größeren Haß zu dem alten und sinnen auf Rache. Ihr ist Hamilkars ganzes Leben von jetzt an gewidmet: in diesem Rachegedanken erobert er Spanien, knüpft er Verbindungen mit den Galliern und allen anderen Feinden Roms an, deren er habhaft werden kann, in diesem Rachegedanken erzieht er seine Söhne: „die Löwenbrut”, und läßt sie noch als Knaben den Römern ewige Feindschaft schwören. So bereitet er alles zum Vernichtungskriege gegen Rom vor. Aber der Tod ereilt ihn zu früh.

Der Erbe seiner Gedanken und Entwürfe wird Hannibal.

  Kaum zur Feldherrnwürde gelangt, trifft er seine Maßregeln, die nichts sind als eine Kette von zweckmäßigen, konsequenten und energischen Vorbereitungen zu dem großen Schlag gegen Rom: Nur um möglichst schnell freie Hand zu bekommen, vollendet er mit angespanntester Kraft die Unterwerfung Spaniens, bricht er einen Streit mit Sagunt vom Zaune, reißt er die Majorität des karthagischen Senates wider ihren Willen in seine Bahnen und zwingt so den Römern wider Recht und Vertrag den Krieg auf, der womöglich ihre Existenz vernichten soll. So hat er schweigend wie sein Vater den Groll über erlittenes Unrecht getragen, die Rache planmäßig und ohne Zaudern vorbereitet und, sobald sich die erste Möglichkeit bot, das Racheschwert über Roms Haupt geschwungen.

  Man muß in der Tat sagen: der Größe und Einheitlichkeit entbehrt diese Auffassung keineswegs. Wir freuen uns der imponierenden Kraft der Leidenschaft und des brennenden Gefühles des Unrechtes, das wir mit dem mißhandelten Karthago mitzuempfinden glauben, wir freuen uns vor allem auch über den Heldenjüngling, der seinen großen Gedanken mit rücksichtsloser Gewalt trotz aller Hindernisse in die Wirklichkeit zu übertragen verstand und so gewissermaßen an einem glänzenden Beispiele den Sieg des Geistes über den trägen Stoff veranschaulicht.

  Aber trotz alledem und obgleich diese Auffassung auch von unseren Quellen, besonders von Polybios geteilt wird 5, können wir sie doch nicht halten.

  Schon Ranke hat (Weltgeschichte II, 1, 197) sehr mit Recht die Zurückführung des Zweiten Punischen Krieges auf eine solche Gefühlspolitik mehr eine geistvolle Kombination der Tatsachen als eine historisch begründete Oberlieferung genannt, und mit den Resultaten einer gründlichen Einzelforschung läßt sie sich in der Tat nicht vereinigen.

  Zunächst ist nicht wohl daran zu denken, daß für praktische Staatsmänner ersten Ranges, wie Hamilkar und Hannibal, die mit realen Machtfaktoren, wie nur je die Söhne jenes phönikischen Handelsstaates zu rechnen gewohnt waren, ideologische Gesichtspunkte, wie die Verletzung des Gerechtigkeitsgefühles durch die Römer, so im Vordergrunde des Denkens gestanden hätten, daß sie darüber unpraktischen und für ihren Staat gar nicht passenden Zielen nachgestrebt haben sollten. Solche Ziele hätte aber eine Politik verfolgt, welche auf die politische Vernichtung Roms ausgegangen wäre. Denn Karthago hat nie eine erobernde Weltpolitik getrieben und konnte es nicht tun.

  Die Vergangenheit dieses Staates und seine ganze innere Struktur wies ihn andere Bahnen.6

Soweit hinauf wir die karthagische Geschichte verfolgen können, überall sehen wir, daß diese rührigen phönikischen Handelsleute nur bemüht gewesen sind, sich möglichst große Absatzgebiete für ihren Handel freizuhalten, daß sie stets nur ungern zum Schwerte gegriffen haben und immer nur, um sich und ihre kaufmännischen Interessen zu verteidigen, nie um in wirklich großem Stile angriffsweise vorzugehen.

  In den Kämpfen mit den Griechen in der ganzen Westhälfte des Mittelmeeres und besonders auf Sizilien sind sie anfangs überall ohne großen Widerstand zu leisten zurückgewichen und haben große Gebiete einfach geräumt. Nur um die Gegenküste von Afrika selber, die Westhälfte Siziliens, haben sie einen energischen, jahrhundertelang dauernden Krieg geführt.

  Es ist aber bezeichnend, daß selbst in dieser Zeit des 5. bis 3. Jahrhunderts v. Chr., wo Karthago auf der Höhe seiner Macht stand, keiner der großen Konflikte von den Karthagern ausgegangen ist: 480 waren es die Perser, die Karthago zum Eingreifen veranlaßten, am Ende des 5. und im 4. Jahrhundert waren es die Angriffe von Selinunt auf die karthagische Provinz, dann Dionys und Agathokles, welche aggressiv vorgingen. Die Pausen zwischen diesen großen Aktionen, während welcher die griechischen Verhältnisse in trauriger Zerfahrenheit und Zerrüttung waren und die besten Angriffsgelegenheiten boten, sind von Karthago ausnahmslos nicht benutzt worden. So haben sie das ganze 5. Jahrhundert mit seinen Wirren und der großen athenischen Expedition ungenutzt verstreichen lassen, so die Zwistigkeiten nach dem Tode des Dionys und ebenso wieder den Zerfall der griechischen Großstaatenbildungen nach Agathokles' Abscheiden nicht für sich ausgebeutet.

  Ja selbst in Afrika, dem Kerne ihrer Macht, haben sie sich mit Eroberungen auf das mindest mögliche Maß beschränkt. Wenn wir auch im einzelnen über die Grenzen nichts wissen, so kann man doch sagen, daß das von Karthago wirklich unterworfene Gebiet bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts hinein noch nicht einmal die Hälfte der heutigen Regentschaft von Tunis nördlich des großen Salzsumpfes Schott Djerid erreicht hat. Es umfaßte also nur ein Gebiet von kaum 25 000 qkm, das kleiner war als Sizilien. Erst während des Ersten Punischen Krieges haben die Karthager sich hier zu einer Erweiterung ihres Besitzes bis nach Theveste, dem heutigen Tebessa, hin entschlossen, einer Stadt, die aber auch nur etwa 250 km südwestlich von Karthago selbst liegt.7

  Die weitgedehnten Strecken Nordafrikas bis zur Großen Syrte auf der einen und bis Marokko hin auf der anderen Seite blieben mit Ausnahme von einzelnen festen Punkten an der Küste durchaus den freien Numidern überlassen, im Vergleich zu deren Gebiet das zusammenhängende karthagische Land eine lächerlich kleine Ausdehnung hatte.

  Auch die spanische Eroberung der Barkiden ist von diesem Grundzuge phönikischer Politik, sich nicht mehr als unumgänglich mit unmittelbar beherrschtem Untertanenland zu belasten, nicht abgewichen.

  Was notwendig war als Ersatz für das verlorene Sizilien und Sardinien, um die Möglichkeit selbständiger Existenz des Staates und die Handelsmacht aufrechtzuerhalten, um ein Hinterland zur Exploitierung, als Werbeplatz für Söldner, als Kornmagazin für die Hauptstadt bei afrikanischen Krisen, endlich als Bollwerk zu haben gegen neue Übergriffe und Mißhandlungen Roms, das wurde dort zu eigen gemacht, und zwar in vollem Maße. Aber weite, über den ganzen Westen des Mittelmeeres sich erstreckende Eroberungspläne mußten den Gedankengängen von Söhnen der karthagischen Handelsstadt so fern liegen, wie etwa den venezianischen Staatsmännern des 15. Jahrhunderts, trotz Kypern und ihrer terra ferma in der Lombardei, eine Eroberung und Beherrschung ganz Italiens gelegen hat. War doch selbst die schmale Basis der afrikanischen terra ferma für Karthago kein sicherer Besitz. Es ist kein einziger großer Rückschlag in Karthagos auswärtigen Kriegen vom 5. bis zum 2. Jahrhundert zu verzeichnen, der nicht seine Wirkung auf Afrika durch mehr oder minder gefährliche und den Bestand des Staates geradezu in Frage stellende Aufstände der einheimischen Bevölkerung geäußert hätte. Karthago ist in dieser Beziehung in viel ungünstigerer Lage gewesen als Rom, welches sich trotz aller rechtlichen Unterschiede doch an der Spitze eines großen gleichsprachigen Volkes, der römisch-latinischen Nation, befand, auf dessen unbedingte Anhänglichkeit es mit voller Sicherheit rechnen konnte, während bei Karthago der diesem nationalen Verbande entsprechende Teil seiner Bundesgenossen, die zerstreuten phönikischen Handelskolonien an den Küsten von Afrika und Spanien, ein unvergleichlich schwächeres Element darstellten.

So hat denn auch Karthagos größter Sohn, Hannibal, nicht eine Bahn eingeschlagen, welche den Traditionen einer Jahrhundertelan befolgten Politik und der staatlichen Natur seines Vaterlandes vollkommen entgegengesetzt gewesen wäre. Sondern im Gegenteil, als er auf der Höhe seines Ruhmes stand, nach der beispiellosen Niederlage der Gegner bei Cannä, da hat er die Hand selber zu einem billigen Frieden den Römern entgegengestreckt, indem er seinen Unterhändler Karthalo mit Instruktionen für eine Beilegung des Zwistes nach Rom entsandte.8

  Was für Angebote der Sieger damals gemacht hat, das wird direkt nicht berichtet, aber daß es sich nicht um eine völlige Unterwerfung handeln konnte, geht schon aus dem einfachen Umstande hervor, daß Hannibal selber damals bekanntlich den direkten Angriff auf Rom zurückgewiesen hat, weil er sich zu einer Belagerung der Stadt überhaupt nicht für stark genug hielt.

  Es geht aber noch deutlicher hervor aus dem kurz nachher erfolgten Abschlusse des berühmten Vertrages mit Makedonien, eines Vertrages, der uns überhaupt in Hannibals politische Pläne und Entwürfe gerade nach dieser Seite hin die interessantesten Einblicke gewährt und auf den ich daher die Aufmerksamkeit etwas ein-gehender lenken muß.9

  Hannibal hat bekanntlich im Jahre 215 mit dem König Philipp von Makedonien ein Waffenbündnis gegen Rom geschlossen, von dem uns eine doppelte Oberlieferung erzählt.

  Livius und im Anschluß an ihn andere spätere Quellen reden von einem Vertrage, nach welchem gewissermaßen die europäische Welt geteilt werden sollte: „ganz Italien mit der Hauptstadt Rom und aller Beute sollte Hannibal zufallen”; zu dieser Eroberung sollte Philipp ihm in Italien mit einer Flotte von 200 Segeln zu Hilfe kommen. Nach Erreichung dieses Zieles sollte dann Hannibal dem Philipp seinerseits beistehen, „die Festlandstaaten und die Inseln bei Makedonien zu unterwerfen und Krieg zu führen mit wem es dem Könige gutdünke” 10.

   Da haben wir den Hannibal, wie er im Spiegel römischer Anschauung ausgesehen hat, den Vernichter Roms, den Träger phantastischer Welteroberungspläne.

   Aber neben diesem Hannibal der römischen Überlieferung steht ein anderer: der Hannibal des Polybios oder vielmehr der Hannibal des urkundlichen Vertrags selber. Denn dieser Vertrag mit Philipp ist in großen Stücken wörtlich bei Polybios (VII, 9) erhalten, und da sehen die Stipulationen ganz anders aus. Von einer Unterwerfung größerer Gebiete ist hier mit keinem Worte die Rede. Sondern Hannibal und die Karthager sichern dem Philipp lediglich die Abtretung der römischen Besitzungen in Illyrien und der Küste von Epiros zu, verhältnismäßig recht unbedeutende Gebietsteile, wie die Insel Kerkyra und Pharos, die Städte Apollonia und Epidamnus, die Feste Dimale, die Völkerschaften der Parthiner und Atintanen und die Untertanen des Demetrios von Pharos, die in der römischen Bundesgenossenschaft stehen. Sie alle werden in dem Vertrage namentlich aufgezählt und bilden allein Philipps Anteil an der Beute.

   Und ähnlich bescheiden ist das, was für Italien und Rom selber in Aussicht genommen wird. Hier ist ebensowenig von einer Vernichtung Roms und Eroberung ganz Italiens die Rede, sondern es wird im Gegenteil die Abschließung eines Freundschaftsvertrages mit Rom nach Beendigung des Krieges ins Auge gefaßt, eines Freundschaftsvertrages, der Rom so stark und selbständig beläßt, daß so-gar der Fall eines neuen von Rom ausgehenden Angriffskrieges in  Erwägung gezogen und für diesen Fall stipuliert wird, daß dann auch in einem solchen späteren Kriege Makedonien und Karthago gemeinsam für Aufrechterhaltung des Zustandes eintreten sollen.11 Fehlt es leider auch an Spezialnachrichten darüber, wie Hannibal sich im einzelnen dies Verhältnis und die Abgrenzung der beiderseitigen Gebiete gedacht hat, so treten doch die Umrisse im großen mit genügender Deutlichkeit hervor. Es wird ein Nebeneinanderbestehen beider Staaten, gewissermaßen ein Gleichgewichtszustand, ins Auge gefaßt, dessen Garant Makedonien mit sein sollte.

   Wenn Hannibal nach einer Reihe glänzendster und über alles Erwarten großartiger Siege in Italien auf diesem gemäßigten Standpunkte stehengeblieben ist, so können wir wohl sagen, daß wir hier einen unverrückbaren Grundzug seines ganzen politischen Systems vor uns haben, daß er keineswegs darauf ausgegangen ist, seine Forderungen so hoch zu spannen, wie es die augenblickliche Lage vielleicht nahelegen konnte, sondern daß im Gegenteil sein ganzes Bestreben darauf gerichtet war, für lange Zeit dauerhafte und feste Verhältnisse zu schaffen, bei denen Karthago und Rom nebeneinander bestehen konnten, indem er den Römern nicht mehr abnahm, als unbedingt nötig war, um sie für Karthagos Sicherheit unschädlich zu machen. Ich möchte sagen, daß wir hier in Hannibals politischem System einen Zug von Selbstbescheidung und Maßhalten vor uns haben, der uns trotz seiner unerreichten Feldherrnbegabung mehr an Bismarck als an Napoleon erinnert.

 Es wäre natürlich außerordentlich wertvoll, wenn wir von Hannibals politischem Programm mehr als diese allgemeinen Umrisse erkennen könnten, und vielleicht ist es nicht ganz unmöglich, einige Schritte über das hinaus zu tun, was die Überlieferung uns direkt gewährt, indem wir die politische Situation, wie sie damals war, ins Auge fassen und uns fragen, was für Handhaben eine genaue Prüfung derselben bieten könnte.

  Es ist ganz selbstverständlich, daß Karthago bei einem solchen Frieden keines von den Gebieten, die es schon vor dem Kriege gehabt oder beansprucht hatte, aufgeben konnte, daß also die Mittelmeerseite Spaniens nicht bloß bis an den Ebro, sondern bis an die Pyrenäen, wie sie von Hannibal im Jahre 218 erobert war, Karthago zufallen mußte. Es ist ferner klar, daß Hannibal die italischen Bundesgenossen im Süden und Norden der Halbinsel, die Gallier in der Poebene und die Osker in Kampanien und Samnium sowie die anderen zu ihm abgefallenen Landschaften in Unteritalien nicht Roms Rache preisgeben konnte, sondern daß diese Landesteile mehr oder minder einheitlich und selbständig organisiert als Bundesgenossen Karthagos unter dessen Schutz gestellt werden mußten.

  Mit Syrakus stand Hannibal damals vielleicht bereits im Bunde, sicher aber in Verhandlungen, die dem König Hieronymos den Bestand seines Reiches und namhafte Vergrößerungen in Sizilien gewährten.

  So schränkt sich das unsichere Gebiet eigentlich auf Sardinien, Korsika und Ligurien ein, Gebiete, deren politische Regelung für die ganze Situation kaum sehr stark ins Gewicht fallen. Rom wäre danach wohl im wesentlichen auf seine natürliche Stammesherrschaft, auf Mittelitalien beschränkt worden, auf die Führung der eigentlichen latinischen und sabinischen, der etruskischen und umbrischen Stämme. Es wäre dann neben das im wesentlichen latinische Mittelitalien ein im wesentlichen keltisches Norditalien und ein im wesentlichen griechisch-oskisches Süditalien getreten. Daran hätte sich angeschlossen im Süden in Sizilien das Reich von Syrakus und in Afrika und Spanien, vielleicht in Sardinien und der Westhälfte Siziliens das unmittelbare karthagische Untertanenland.

  Damit wäre an die Stelle des einen Großmachtstaates Rom, der im Laufe der Zeiten alle anderen verschlungen hat, ein vielgestaltiges System von kleineren Staaten getreten, welche sich gegenseitig die Waage gehalten hätten, gerade so wie ein solches Gleichgewichtsystem damals schon im östlichen Becken des Mittelmeeres in der hellenistischen Staatenwelt bestand.

  Wenn wir so in großen Zügen und, wie ich noch einmal hinzufügen möchte, mit aller Reserve über die Ausgestaltung im einzelnen Hannibals politisches System zu skizzieren gesucht haben, so dürfte es nicht unangemessen erscheinen, von dem so gewonnenen Standpunkte aus rückblickend Hannibals bisherige Tätigkeit und sein Vorgehen in politischer Beziehung noch einmal ins Auge zu fassen und uns zu fragen, ob sich da nicht vielleicht sein ganzes Auftreten, besonders vor Beginn der großen Verwickelung mit Rom, in ganz anderem Lichte zeigt, als wir es nach Mommsens Darstellung und nach der Darstellung unserer römisch-parteiischen Überlieferung zu sehen gewohnt sind.

  Wir bemerkten schon vorhin, daß nach dieser Auffassung Hannibal von dem Momente an, wo er durch den Tod Hasdrubals zur ersten Stelle im Heere berufen war, keinen anderen Gedanken gehabt haben soll, als möglichst schnell die Erbschaft der Rache anzutreten. Durch einige Razzias in großem Maßstabe — so äußert sich Mommsen (16, 570) in weiterer Ausführung dieses Gedankens — füllte er seine Kassen. Als die karthagische Regierung keine Lust zeigte, eine Kriegserklärung nach Rom abgehen zu lassen und nicht geneigt war, den unbekannten jungen Mann, der jetzt in Spanien befehligte, auf Staatskosten jugendlichen Patriotismus treiben zu lassen, da griff er zu dem revolutionären Mittel, sie dazu zu zwingen. Zwar den Krieg in offener Widersetzlichkeit gegen die legitimen Behörden zu beginnen, davor scheute er doch zurück. Aber er versuchte die Saguntiner zum Friedensbruche zu reizen und so einen willkommenen Vorwand zum Kriege zu schaffen. Sagunt indessen vermeidet die Falle. Es begnügt sich, in Rom Klage zu führen. Als daraufhin eine römische Gesandtschaft in Spanien erscheint, bemüht Hannibal sich, diese durch „schnöde Behandlung” zur Kriegserklärung zu treiben. Aber auch die Gesandten schweigen und bleiben kalt; nur Beschwerde führend über Hannibal, wenden sie sich nach Karthago. Dem ungeduldigen Jüngling verstreicht die Zeit nutzlos. Jeder Tag scheint ihm verloren, den er nicht seiner großen Aufgabe widmen kann. Er entschließt sich deshalb endlich und meldet kurz und gut nach Karthago, daß die Saguntiner karthagischen Untertanen, den Torboleten, zu nahe träten und er sie darum angreifen müsse. Und ohne die Antwort abzuwarten, beginnt er die Belagerung der Stadt, d. h. den Krieg mit Rom.

Mommsen vergleicht den Eindruck, den diese Nachricht in Karthago gemacht haben müsse, mit dem Eindrucke, den Yorcks Kapitulation nach dem russischen Feldzuge 1812 in den Regierungskreisen von Berlin gemacht habe, und findet in der Furcht vor der demokratischen Partei oder in der Schwierigkeit, jetzt noch zurückzugehen oder schließlich in der bloßen Macht der Trägheit kaum ausreichende Motive dafür, daß schließlich die bei der Stellung der karthagischen Regierung eigentlich notwendige Desavouierung des dreisten Offiziers doch nicht eingetreten sei.

  Es sind - wie man sieht - drei Gesichtspunkte, unter denen Hannibals Verfahren hier betrachtet wird.

  Es handelt sich erstens um Hannibals Stellung zu seiner eigenen Regierung: er befindet sich zu ihr in ausgesprochenem Gegensatze.

  Es handelt sich zweitens um das zeitliche Vorgehen: ungesäumt nach seiner Wahl hat Hannibal alle Vorkehrungen zum Kriege getroffen.

  Und es handelt sich drittens um die rechtliche und zugleich politische Frage Rom und Sagunt gegenüber: Hannibal hat gegen die Verträge und unter nichtigen Vorwänden den Krieg provoziert.

  Entspricht diese Auffassung den tatsächlichen Verhältnissen, entspricht sie auch nur der Auffassung unserer Überlieferung? Diese beiden Fragen werden wir im folgenden zu beantworten haben.

  Schon Polybios hat (III, 8) in seiner berühmten Erörterung über die Ursachen und Veranlassungen des Zweiten Punischen Krieges mit Nachdruck darauf aufmerksam gemacht, daß von einem Zwiespalte Hannibals mit der Regierung in Karthago schlechterdings keine Rede sein könne: Rom stellte in Karthago nach dem Falle von Sagunt die Alternative: Auslieferung Hannibals und Freundschaft mit Rom oder Krieg. Wie hätte — so meint Polybios — die karthagische Regierung nicht mit Freuden diese Gelegenheit benutzen sollen, einen ihr ungelegenen Krieg zu vermeiden und zugleich den Friedenstörer loszuwerden, wenn sie wirklich auf diesem Standpunkte gestanden hätte? Es war aber in Wahrheit das Gegenteil der Fall: mit Begeisterung hat man den Krieg aufgenommen und ihn 17 Jahre lang mit aller erdenklichen Zähigkeit nach Hannibals Wunsch und Willen geführt.

  Wir können zu dieser Deduktion des großen Historikers hinzufügen, daß nach allem, was wir sonst über die Stellung der Barkiden von den Zeiten des Hamilkar Barkas bis zum Ende des Zweiten Punischen Krieges wissen, ihre Partei dauernd in den karthagischen Regierungsbehörden den führenden Einfluß gehabt hat.12 In Übereinstimmung mit der Regierung von Karthago hat Hamilkar Barkas seine erste Expedition nach Spanien unternommen und sein spanisches Reich gegründet, in Übereinstimmung mit dieser Regierung ist der ganze großartige Kriegsplan Hannibals zur Niederwerfung Roms festgestellt und in allen wichtigen Phasen des Krieges auch durchgeführt worden. Die wiederholten Hilfssendungen, die während des Krieges von Karthago nach Italien gingen, legen davon volles Zeugnis ab, und es ist eine irrige Behauptung, daß Hannibal während seiner 15jährigen Kämpfe in Italien von Karthago im Stiche gelassen sei. Der große strategische Plan Hannibals, sich nach Süditalien durchzuschlagen und Süditalien als Operationsbasis gegen Rom zu benutzen, ein Plan, der bekanntlich von Anfang an bestanden hat und konsequent durchgeführt worden ist, hat nur einen Sinn, wenn die Mitwirkung von Afrika und Karthago aus dabei die Voraussetzung bildet.13

  So hat denn Hannibal auch speziell bei dem Beginn der Verwickelungen mit Sagunt im engsten Anschluß an seine Regierung gehandelt. Wir haben an mehreren Stellen die gerade wegen der römischen Färbung unserer Überlieferung um so zuverlässigere Nachricht aufbewahrt, daß Hannibal sich von seiner Regierung die ausdrückliche Ermächtigung zum Vorgehen gegen Sagunt hat erteilen lassen, ehe er den ersten aggressiven Schritt getan hat.14

 Dieses Verhalten Hannibals in dem Einzelfalle Sagunt, sowie seine ganze Stellung zu seiner Regierung wirft aber nun auf seine Persönlichkeit als Staatsmann ein weit günstigeres Licht, als es nach der älteren Auffassung der Fall war. Ohne diesen festen Rückhalt wäre Hannibals Zug nach Italien ein Abenteuer und nicht eine große Tat gewesen, die Konzeption und die militärische Durchführung hätte so genial gewesen sein können, wie sie wollte.

  Denn bei dem ersten militärischen Rückschlage hätte der politische Rückschlag nicht ausbleiben können, und Hannibal hätte mit all seiner militärischen Überlegenheit den Boden unter den Füßen verloren. Der militärische Rückschlag ist eingetreten, und zwar in stärkstem Maße, der politische nicht. Das politische Fundament von Hannibals Plänen hat sich schließlich fester gezeigt als das militärische.

  Ich verkenne natürlich durchaus nicht, daß es in Karthago auch eine politische Opposition gab. Aber sie war in dieser ganzen Periode in der Minorität und hat erst nach der Beendigung des ganzens Krieges maßgebenden Einfluß auf die Geschäfte genommen.

  Wenn sich so die Eigenwilligkeit von Hannibals Vorgehen gegen Sagunt in eine vorsichtige Deckung durch die ihm gewordene Ermächtigung der Regierung verwandelt, so ist ein solcher Wandel der Anschauung nicht minder notwendig bei dem angeblich brausenden Ungestüm, mit dem er zum Kriege mit Rom gedrängt haben soll.15

  Im Jahre 221 oder 222 war Hasdrubal ermordet worden, und Hannibal hatte die Führung übernommen. Zwei volle Jahre voll schwieriger Feldzüge auf dem Hochlande von Alt- und Neukastilien haben den jungen Heerführer im Anfange seiner Laufbahn beschäftigt 16, Feldzüge, die nur durch einen besonderen Glücksfall, das unvorhergesehene Aufgebot der Karpetaner und ihre daher noch im zweiten Jahre des Krieges erfolgte Niederlage schon in diesem Sommer abgeschlossen worden sind, während man nach wahrscheinlicher Voraussicht mindestens noch auf einen dritten Feldzug hätte rechnen müssen.

  Ein Feldherr, der sich tief im Inneren des Landes auf so weit-gehende Unternehmungen einläßt, kann wohl nicht bezichtigt werden, durch einige Razzias in großem Stile nur seine Kasse zum Kriege mit Rom füllen und so eilig wie möglich gegen diesen Staat losschlagen zu wollen.

  Dabei wird uns von Polybios selber berichtet, daß Hannibal während dieser ganzen Zeit möglichst jeden Konflikt mit Sagunt vermieden habe, weil daraus, wie er mit Recht voraussah, leicht eine Verwickelung mit Rom entstehen konnte.17

  Und damit komme ich endlich auf den dritten und wichtigsten Punkt: die Frage von Hannibals Stellung und Vorgehen gegen Sagunt selber. Hannibal wird hier bezichtigt, unter nichtigen Vorwänden die Stadt angegriffen und damit absichtlich den Krieg herbeigeführt zu haben. In Wahrheit liegt die Sache gerade umgekehrt: das Vorgehen Roms in dieser ganzen Angelegenheit ist erstens ein Bruch übernommener Verpflichtungen und zweitens ein flagranter Eingriff in Karthagos Interessensphäre gewesen.

  Die Frage hat, wie man schon aus dieser Formulierung ersehen kann, eine doppelte Seite gehabt: eine rechtliche und eine politische. Beide müssen sorgfältig auseinandergehalten und beide sorgfältig geprüft werden.

  Wie verhielt es sich mit der rechtlichen Seite der Sache? In welchem Vertragsverhältnis standen Rom und Karthago damals zueinander? In welchem Vertragsverhältnis standen Rom und Sagunt? In welchem endlich Karthago und Sagunt?

  Das sind die drei Fragen, aus deren Beantwortung die rechtliche Situation hervorgehen muß.

  Die letzten Staatsverträge, welche das Verhältnis von Rom und Karthago geregelt hatten, stammten aus der Zeit nach dem Ersten Punischen Kriege vom Jahre 241 und 238. Sie besagten, daß Karthago Sizilien, Korsika, Sardinien abtreten und daß hinfort Freundschaft zwischen beiden Staaten bestehen solle. Keiner von ihnen dürfe das Gebiet des anderen und ihrer Bundesgenossen verletzen.18 Diese Bundesgenossen waren namentlich in der Vertragsurkunde aufgeführt.19 Sagunt befand sich natürlich nicht dabei, weil es damals nicht zur Bundesgenossenschaft Roms gehört hatte.

  Aus diesen Urkunden konnte also nicht abgeleitet werden, daß ein Angriff eines der beiden Staaten auf Sagunt ein Vertragsbruch sei.

  Man erkennt daraus, daß diese Verträge die gegenseitigen Verhältnisse nicht umfassend und allseitig genug regelten, sondern eine große Lücke hatten: Über alle die weiten Gebiete, welche zwischen der karthagischen und römischen Bundesgenossenschaft, wie sie im Jahre 241 und 238 war, in der Mitte lagen, gaben diese Verträge überhaupt nichts an. Die hier freigelassene, sozusagen neutrale Zone war nun aber von der größten Bedeutung. Sie umfaßte ganz Norditalien, das damals noch im Besitze der freien Kelten war, ferner ganz Südfrankreich — außer Massalia, welches schon im Bündnis mit Rom stand —, ferner den ganzen nördlichen Teil von Spanien.

  Was sollte geschehen, wenn im Laufe der Zeit diese neutrale Zone mehr und mehr zusammenschrumpfte, wie das in der Tat der Fall war? Denn Rom drang in Norditalien, Karthago in Spanien unaufhaltsam vor. Hier mußten also, wollte man einem künftigen Konflikte ausweichen, die Interessensphären über kurz oder lang einmal abgegrenzt werden.

  Das ist nun in der Tat auch geschehen, und zwar durch eine Übereinkunft zwischen Rom und Hasdrubal, dem karthagischen Feldherrn in Spanien, im Jahre 226, wie es scheint. Der Ebro wurde damals als Grenze der beiderseitigen Interessensphären festgesetzt.

Der Vertrag erhielt nicht die Ratifikation durch die Regierung in Karthago und ist uns auch nicht im Wortlaute erhalten, so daß über seinen genaueren Inhalt Meinungsverschiedenheiten bestehen. Nach Polybios enthielt er nur den einen Paragraphen, daß der Ebro die Grenze sein solle, nach der sonstigen Tradition enthielt er noch den zweiten, daß die als griechisch betrachteten Städte nördlich und südlich des Ebro — Sagunt und Emporiä werden namentlich genannt — frei und unabhängig sein sollten. Ihre Freiheit und Unabhängigkeit wurde danach also unter die Garantie der beiden vertragschließenden Mächte gestellt.20

  So wichtig dieser Unterschied im ersten Augenblick erscheint, so ist er doch für unsere Frage indifferent. Denn beiden Fassungen ist .gemeinsam, daß ein Eingreifen der Römer in Spanien südlich des Ebro ein Vertragsbruch war. Nach der Polybianischen Fassung hatten sie hier überhaupt nichts zu suchen, nach der anderen durften sie ebensowenig wie Karthago die exilvierten Gemeinden durch Ausdehnung ihrer Bundesgenossenschaft auf sie binden, insofern dadurch die Freiheit und Selbständigkeit dieser Gemeinden angetastet wurde.21

  Dieser Vertrag enthielt ein weitgehendes Zugeständnis Roms, welches sich aus der augenblicklichen politischen Lage vollkommen erklärt.

  Rom stand damals nämlich unmittelbar vor dem Ausbruche eines großen Krieges mit den Kelten. Die Ackerverteilungen der Römer im Jahre 232 und die Vertreibung des ganzen Senonenstarnmes der Gallier aus der Mark Ancona hatten in den gallischen Stämmen Norditaliens eine hochgradige Erregung hervorgerufen, die sich auch auf die Gallier im Rhonetal fortpflanzte und im Jahre 225, also nur ein Jahr nach dem Vertrage mit Hasdrubal, zu dem gewaltigen Galliersturm führte, der sich über Italien ergoß und erst durch die Schlacht bei Telamon gebändigt wurde.

  Nichts konnte für Rom gefährlicher werden, als wenn damals Karthago den günstigen Moment benutzt und auch losgeschlagen hätte.

  Roms weitschauende Politik baute deshalb vor: man schloß mit Hasdrubal den Ebrovertrag.22

  Aber nach Verlauf weniger Jahre hatte sich die Situation zugunsten der Römer sehr bedeutend verschoben.

  Die Gallier waren völlig niedergeworfen, und zugleich wurde Hasdrubal, der durch sein diplomatisches und militärisches Geschick in Spanien sehr Bedeutendes geleistet hatte und schon durch seine Persönlichkeit den Römern Achtung und Respekt einflößen mußte, in der Blüte seiner Jahre ermordet, und an seine Stelle trat Hannibal, ein bisher ganz unbekannter junger Mann von etwa 25 Jahren. Das war der richtige Moment für Rom, den aufgegebenen Boden in Spanien wiederzugewinnen, und sich dort für einen eventuellen Krieg Bundesgenossen zu sichern.

  In Sagunt gab es damals zwei Parteien, die sich gegenseitig mit Erbitterung bekämpften; ein ganz gewöhnliches und überall in der antiken Städteentwicklung wiederkehrendes Verhältnis. Neigte die eine dieser Parteien zu Karthago, so natürlich die andere zu Rom. In diesem Streite ist nun die römische Intervention angerufen worden. Die Römer zögerten nicht, brachten ihre Anhänger zur Herrschaft und ließen die Führer der anderen Partei hinrichten.23

  Das war, was ich vorhin den Bruch der übernommenen Verpflichtungen durch Rom genannt habe.24

Hannibal hat damals in diese Verhältnisse überhaupt nicht ein-gegriffen, sondern sich, wie Polybios (a. a. 0. S.48) ausdrücklich hervorhebt, möglichst von einer Berührung mit Sagunt ferngehalten. Aber neben diesen inneren Streitigkeiten und vielleicht im Zusammenhange mit ihnen gingen Grenzstreitigkeiten zwischen Sagunt und den Torboleten oder Turditanern, wie sie in einer anderen Quelle heißen, einher. Die Torboleten waren karthagische Untertanen.

  Beide Umstände mochten die Saguntiner veranlassen, mit besorgten Blicken das Wachsen der karthagischen Macht unter Hannibals kräftigem Vorgehen im Inneren zu verfolgen und, da man einen Angriff Hannibals befürchten zu müssen glaubte, wiederholte Gesandtschaften um Intervention der Römer zu ihrem Schutze nach Italien zu schicken.

  Endlich, im Herbst 219, entschloß man sich in Rom, einen zweiten Schritt zu tun. Man schickte eine Gesandtschaft nach Spanien, die Hannibal in seiner Königsburg Karthago Nova aufsuchte und ihm die erste offizielle Anzeige davon machte, daß Sagunt in römischem Schutze stehe. Er solle sich nicht einfallen lassen, es anzugreifen. Zugleich wurde der Ebrovertrag in Erinnerung gebracht und Hannibal eingeschärft, diesen Fluß nicht zu iiberschreiten.25

  Man kann sich wundern, wie Rom dazu kommen konnte, in demselben Augenblicke den Ebrovertrag einzuschärfen, in welchem es sich mit seiner offiziellen Erklärung, Sagunt schützen zu wollen, über ihn hinwegsetzte. Aber das war offenbar nicht die Auffassung der Römer. Sie glaubten, die Freiheit der Stadt nicht angetastet zu haben, indem sie dort ihre Partei mit Gewalt zur Herrschaft brachten. Es mochte ja auch ganz wohl sein, daß sie durch einen legalen Majoritätsbeschluß der saguntinischen Gemeinde gerufen und daß jene Hinrichtungen in der Form Rechtens von der Gemeinde ausgesprochen waren. Aber trotzdem bleibt ihr Eingreifen hierselbst eine Verletzung des Ebrovertrages, welche der beiden Fassungen man auch annehmen mag. Vielleicht nicht seines Wortlautes — den kennen wir ja nicht mehr —, aber jedenfalls seines Geistes. Denn auch die eventuelle Garantie der Selbständigkeit der Gemeinde durch beide Staaten hatte, besonders unter den politischen Verhältnissen, unter denen sie ausgesprochen war, nur dann einen Sinn, wenn dadurch der Ausbreitung der römischen Bundesgenossenschaft südlich des Ebro ein Riegel vorgeschoben wurde.

  Das war denn auch ohne Zweifel die Auffassung Hannibals: er protestierte in den Besprechungen von Karthago Nova gegen das Vorgehen der Römer und erklärte, daß er das in Sagunt vergossene Blut nicht ungerächt lassen werde 26, d. h. er sagte sich damit auch seinerseits vom Ebrovertrag und der eventuellen Garantie der Saguntiner Unabhängigkeit los. Nach Erledigung ihres Auftrages bei Hannibal ging die römische Gesandtschaft nach Karthago und machte auch dort offizielle Mitteilung davon, daß Sagunt in Roms Schutz aufgenommen sei.

  Jetzt erbat und erhielt Hannibal von Karthago endlich die Vollmacht, gegen Sagunt zu verfahren, wie ihm gutdünke. Aber er ging noch keineswegs gleich zum Angriffe vor, sondern berief Saguntiner und Torboleten vor sein Schiedsgericht. Erst als jene sich weigerten, ihn als Richter anzuerkennen und die Sache vor ein römisches Schiedsgericht gebracht wissen wollten, ist er zur Exekution vorgegangen.27

  Wir erkennen auch hier wieder einen anderen Hannibal als den Stürmer und Dränger, als den man ihn ausgibt. Er provoziert keinen Krieg, er läßt die Provokationen der Gegner sogar im Anfange kühl ablaufen, er verläßt keinen Augenblick den Rechtsboden. Er setzt so den Gegner formell ins Unrecht.

  Die rechtliche Seite der Frage kann nach dem allen nur zuungunsten Roms entschieden werden: Rom hat die Grenze, die es sich zur Zeit einer ungünstigen politischen Konstellation selbst durch den Ebrovertrag gesteckt hatte, bei Eintritt einer günstigeren wiederum überschritten und dem Gegner damit berechtigten Grund zur Abwehr gegeben.

  Dieses Vorgehen ist nun keineswegs ohne Analogien in der Geschichte der römischen Staatskunst. Ich greife nur die nächstliegende heraus, welche zum Ausbruch des Ersten Punischen Krieges geführt hat. So wie hier der Ebrovertrag, so hatte dort der sogenannte Philinische vom Jahre 306 v. Chr. die Interessensphären abgegrenzt und Italien den Römern, Sizilien den Karthagern zugesprochen. Als die politischen Verhältnisse sich änderten, zauderte Rom keinen Augenblick, nach Sizilien hinüberzugreifen, Messana, so wie hier Sagunt, unter seinen Schutz zu stellen und damit den Krieg mit Karthago zu provozieren.

  Aber diese ganze rechtliche Seite der Sache kann ja bei einer so hochpolitischen und die Existenz der beiden Staaten berührenden Frage überhaupt nicht den höchsten und letzten Gesichtspunkt für die Beurteilung bilden. Wir haben uns vielmehr, abgesehen von allen Verträgen und Stipulationen, die Frage vorzulegen, wie denn eigentlich politisch betrachtet die ganze Angelegenheit aufzufassen ist.

  Am ehesten gelangt man da wohl zu einer klaren und objektiven Ansicht, wenn man einmal den Spieß umdreht und sich die Frage vorlegt, was denn wohl Rom dazu gesagt haben würde, wenn die Karthager sich in die Verhältnisse Norditaliens eingemischt und dort irgendeine der gallischen Völkerschaften — sagen wir die Insubrer oder Tauriner — unter ihren Schutz hätten nehmen wollen.28 Man braucht nicht lange zu zögern mit der Antwort, daß Rom das ohne allen Zweifel als Eingriff in seine — ich möchte sagen — natürliche Interessensphäre und als Kriegsfall aufgefaßt hätte. Ganz analog steht es aber, abgesehen von allen Abgrenzungen der Interessensphären durch irgendwelche Verträge, für Karthago in Spanien. Spanien war für Karthago, als selbständige Macht gegenüber Rom, ebensosehr natürliche Interessensphäre wie Norditalien für Rom. Ein Eingreifen der Römer hierselbst, unter welchen Voraussetzungen und Vorwänden immer, war auf die Dauer mit der Machtstellung Karthagos nicht vereinbar. Nicht nur daß damit Rom für einen künftigen Konflikt gewissermaßen einen strategischen Brükkenkopf gewann, der ihm ermöglichte, den Krieg in Feindesland zu eröffnen und zu führen, da es ja in dieser Zeit eine überlegene Seemacht hatte und jeden Augenblick Nachschübe über das Meer werfen konnte, sondern auch in Friedenszeiten war eine solche Festsetzung in Spanien für Karthago ein Pfahl im Fleische und gab den Römern Gelegenheit, sich in alle inneren Händel und Streitigkeiten mit den spanischen Untertanen einzumischen und die Rolle des lästigen und mißtrauischen Beobachters aus nächster Nähe zu spielen.

  Wer da Roms Meisterschaft in dieser Art der Überwachung kennt, wie sie sich besonders später gegenüber dem gedemütigten Karthago bis zu dessen Untergang in so hämischer und unwürdiger Weise gezeigt hat, der wird verstehen, daß ein selbstbewußter Staat, der Herr im eigenen Hause bleiben wollte, hier dem ersten Versuche ein kategorisches „Nein” entgegensetzen mußte. Hatte doch Rom schon in der Vergangenheit durch seine Gesandtschaften nach Spanien an Hamilkar Barkas im Jahre 231 29 und an Hasdrubal im Jahre 226 gezeigt, wie sehr es bemüht war, Karthago hier jede freie Bewegung, jede Ausgestaltung seiner Kräfte unmöglich zu machen.

  Also auch von diesem höchsten und letzten Gesichtspunkte aus, von dem der Existenzfrage als selbständige Macht, war Karthago der angegriffene Teil und handelte in durchaus berechtigter Defensive, wenn es sich eine Einmischung in die Verhältnisse Spaniens energisch verbat.

  Es war aber, wie die Verhältnisse gerade damals lagen, nicht einmal ohne weiteres gesagt, daß diese Zurückweisung unbedingt zum Kriege mit Rom führen mußte. Denn Hannibal hatte als kühler Rechner und weitschauender Politiker, der er war, auch seinerseits den Zeitpunkt seines Vorgehens sehr geschickt gewählt.30 Im Frühjahr 219 nämlich, als er sich zur Exekution gegen Sagunt entschloß, hatte sich im Osten Italiens ein schwerer Krieg entwickelt. Demetrios von Pharos hatte sich von Rom Iosgesagt und bedrohte dessen illyrische Besitzungen. Er stand im Bunde mit Makedonien, hatte als treuer Genosse des Antigonos Doson bei Sellasia mitgefochten und dem Makedonierkönige die Herrschaft über den Peloponnes erkämpfen helfen. Es war daher sehr wahrscheinlich, daß sich aus diesem Kriege Verwickelungen mit Makedonien ergeben würden, welches damals nach der Niederwerfung des Kleomenes von Sparta in einer Machtfülle dastand wie zu den Zeiten des großen Philipp nach der Schlacht von Chäronea.

  Zu gleicher Zeit mögen sich auch die Gallier wiederum gerührt haben, welche durch die Vorbereitungen der Römer zur Ausführung von Kolonien in ihrem eigenen Lande, wie Placentia und Cremona, stark beunruhigt sein mußten.31

  Diese Verhältnisse waren es nun, die Hannibal zum Vorstoße benutzte. Es war nicht unmöglich, daß Rom bei dieser Lage überhaupt die spanische Politik zurückstellen und seinen schroffen Standpunkt hierselbst aufgeben würde. Denn für Rom war es keineswegs wie für Karthago eine Frage, die seine Existenz als Großmacht berührte, ob es ein Ausfallstor im fernen Spanien hatte. Sondern für Rom war das nur eine Außenposition, die auch zur Not ohne erheblichen Schaden für das Ganze eingezogen werden konnte.

  Die spätere römische Geschichtschreibung hat diese Stellung Roms vollständig verkannt. Vom Standpunkte des werdenden römischen Weltreiches nach dem Zweiten Punischen Kriege schien es eine Ungeheuerlichkeit, daß Rom seine Bundesgenossin jenseits der Meere im Stiche gelassen habe, die im Vertrauen auf Roms Beistand einem Hannibal getrotzt hatte. Und so hat diese Geschichtschreibung sich nicht gescheut, die Römer des 3. Jahrhunderts der größten Schlaffheit zu zeihen, daß sie acht Monate lang ruhig zugesehen haben, wie Hannibal Sagunt belagerte, ohne einen Finger zu rühren. Die Rhetorik, welche in dieser Historiographie eine beherrschende Rolle spielt, hat sich natürlich des dankbaren Stoffes bemächtigt: rührende Hingabe der Saguntiner, heldenmütigste Verteidigung, Aufopferung des Lebens in den Flammen der Stadt, nur um die Treue gegen Rom nicht zu verletzen: das alles bildete die Folie zu Roms unbegreiflicher Trägheit und Schlaffheit. Und die ungeheure Beute, welche trotz der absichtlichen Vernichtung aller erreichbaren Wertsachen durch die verzweifelten Saguntiner doch noch den Karthagern in die Hände gefallen war und den Mob von Karthago für Hannibal begeisterte, zeigte noch außerdem, welchen großen materiellen Verlust Rom zu dem moralischen dazu erlitten hatte.32 Eine hellenische Stadt, die sogar durch Italiker aus Ardea mit bevölkert war, sollte so auf schnöde Weise verlassen worden sein.33

  Ja, die römische Annalistik scheute sich nicht, die Geschichte geradezu zu fälschen, indem sie wenigstens Gesandtschaften zur Rettung der Stadt erfand, durch eine chronologische Zusammenziehung der Ereignisse die Römer wenigstens einigermaßen entschuldbar erscheinen ließ und so dem Patriotismus das Opfer der Wahrheit brachte.34 Schon Polybios ist von diesem auf Grund der späteren Verhältnisse völlig verschobenen Standpunkte stark beeinflußt und tritt (III, 26) mit Schärfe, ja mit spöttischem Hohne gegen Andersmeinende dafür ein, daß Rom selbstverständlich den Fall Sagunts nicht nur als Kriegsfall, sondern als Anfang des Krieges selber betrachtet habe.

In Wirklichkeit lagen die Verhältnisse indessen völlig anders.

  Die Größe und Bedeutung von Sagunt ist in diesen Berichten stark übertrieben. Eine genaue Musterung der Örtlichkeit hat gezeigt, daß die Stadt nicht mehr als 1000 m Länge und nur 120 bis 200 m Breite gehabt hat 35, also nur eine Fläche umfaßte, die so breit wie die athenische Akropolis und nur etwa 21/2mal so lang war. Auch ist die Stadt keine hellenische Kolonie oder gar italischen Ursprunges gewesen, sondern es war eine Stadt mit iberischer Bevölkerung, die mit gleicher Ausdauer wie Numantia und andere spanische Städte so oft im Verlauf der Geschichte ihre Freiheit hinter ihren Mauern bis aufs äußerste verteidigt hat.36

   So gab es denn auch in Rom eine starke Partei im Senate, welche in der spanischen Politik sehr zurückhaltend dachte. Q. Fabius Maximus, der berühmte Zauderer, war ihr Führer. Selbst der Fall von Sagunt hat in der Haltung dieser Partei keine Änderung hervorgebracht. Es haben im Senat erregte Debatten darüber stattgefunden, ob man die Eroberung der Stadt als Kriegsfall ansehen sollte oder nicht, und erst mehr als drei Monate nach dem Falle hat man sich zum Handeln entschlossen. Im Oktober oder November 219 muß Sagunt gefallen sein, und erst im März des folgenden Jahres nach Antritt der neuen Konsuln hat sich Rom entschlossen, eine Gesandtschaft nach Karthago zu schicken, die die Bestrafung Hannibals verlangen oder Krieg erklären sollte. 37

  Man ersieht also aus diesen Verhältnissen, daß Hannibal und die karthagische Regierung durchaus nicht so verkehrt gerechnet hatten, wenn sie mit dem Anspruch auf Spanien als ihr ausschließliches Gebiet noch nicht ohne weiteres den Kriegsfall mit Rom als gegeben ansahen. Konnte es doch sogar scheinen, als ob mit einem solchen Verzicht Roms auf Spanien auf absehbare Zeit ein für beide Staaten erträglicher Zustand geschaffen werde, der beiden die volle Möglichkeit selbständiger staatlicher Existenz nebeneinander gewährleistete.

  Allerdings mußte bei diesem Versuche, sich ganz auf eigene Füße zu stellen, das Risiko, einen Krieg mit Rom heraufzubeschwören, übernommen werden. Aber darauf wollte man es eben ankommen lassen. Die Ehre und die Sicherung des karthagischen Staates erheischten das ja auch unbedingt.

  Ich kann nicht unterlassen, hier noch einmal auf die schon oben angezogene Parallele aus der Neuzeit zurückzukommen. Die Lage war ähnlich wie im Jahre 1870, und wie Bismarck damals den Krieg nicht provoziert hat, aber auch keinen Schritt „zurückhufen” wollte, so hat Hannibal den Zweiten Punischen Krieg nur in Verteidigung der berechtigten Interessen seines Vaterlandes unternommen zur Sicherung seiner Existenz als eines selbständigen und Rom nicht nur rechtlich, sondern auch faktisch vollkommen gleichgestellten Staates. —

  Es wird keinem aufmerksamen Zuhörer entgangen sein, wie genau dies Verhalten Hannibals zu seinem oben geschilderten Vorgehen nach der Schlacht von Cannä und zu seinem ganzen dort entwickelten politischen System paßt.

  Eben weil Hannibal keine Vernichtung Roms und keine Eroberung von ganz Italien wollte, sondern nur ein Gleichgewicht, eben deshalb brauchte er nicht um jeden Preis zum Kriege zu drängen, sondern konnte sich damit begnügen, den römischen Einfluß in Spanien auszuschalten und damit die Grundlage jenes Gleichgewichtssystems zu legen, das er auch nach dem Siege von Cannä als unverrückbaren Grundpfeiler seiner politischen Entwürfe beibehalten hat.38

  Man hat in alter und neuer Zeit die Berechtigung solcher Gedankengänge und eine Selbstbescheidung, wie sie in einem solchen Gleichgewichtsystem liegt, wenig gelten lassen wollen, weil man eine Auseinandersetzung zwischen den beiden großen Staaten auf Tod und Leben nun einmal für notwendig und im ganzen Gange der antiken Entwicklung für begründet ansah.

  Im Altertum strebt jeder Staat — so könnte man etwa diese Theorie zusammenfassen — nach ungemessener Ausdehnung nach außen hin: das Perserreich, die Versuche Athens, das Weltreich des großen Alexander, endlich die römische Weltherrschaft selber sind die geläufigsten Schulbeispiele dafür. Ein Nebeneinanderbestehen großer selbständiger Staaten — das ist ein Prinzip, welches erst mit der modernen europäischen Entwicklung zur Entfaltung und zum Durchbruche gelangt.

  So würde es also auch bei Karthago und Rom geheißen haben: Du oder ich. Für beide hat die Erde keinen Raum.

  Ich will hier einmal ganz davon absehen, daß, nach unseren obigen Ausführungen, eine solche Tendenz gerade dem Wesen des karthagischen Staates völlig zuwiderläuft. Denn man kann, glaube ich, noch einen guten Schritt darüber hinausgehen und behaupten, daß die ganze Entwicklung der Staatenwelt der Mittelmeerländer, wie sie sich in dem Jahrhundert vor dem Zweiten Punischen Kriege gestaltet hatte, einem Weltreichgedanken auch an und für sich völlig entgegengesetzt war und daß eine Betrachtung der allgemeinen politischen Lage im Mittelmeergebiete den Menschen dieser Zeit ganz andere Gesichtspunkte an die Hand geben mußte.

  Aus dem großen Weltreiche Alexanders hatten sich ja in langem Kampfe die drei großen Staaten Ägypten, Syrien und Makedonien herausgebildet, die gleichberechtigt nebeneinander bestanden und von denen keiner stark genug war, die Existenz des anderen zu vernichten. Neben diesen großen bestand eine beträchtliche Menge von mehr oder minder bedeutenden kleineren auch selbständigen Staaten, deren bekanntester Vertreter Pergamon ist, dazu gab es eine Masse von einzelnen freien Städten und Städtebünden. Ein Gleichgewichtsystem ganz modern europäischer Art hatte sich so in der Osthälfte des Mittelmeerbeckens herausgebildet und bestand seit fast 100 Jahren. Weshalb sollte das in der Westhälfte des Mittelmeeres anders sein? War es doch auch hier schon seit geraumer Zeit ähnlich gewesen und hatten doch Griechentum und Phönikertum hier seit mehr als 100 Jahren ohne Entscheidung um die Vorherrschaft gerungen, so daß auch hier zuletzt alles in der Schwebe geblieben war.

  Die Theorie der Weltreichbildung konnte vom Standpunkte der damaligen Staatenentwicklung aus als überwunden durch die Praxis bezeichnet werden, und wenn daher Hannibal einen Krieg lediglich mit der Absicht beginnen und führen wollte, seinem Staate neben Rom die ihm gebührende Stellung zu erkämpfen und so ein Gleichgewicht der Kräfte im westlichen Mittelmeerbecken herzustellen, so kann man sagen, daß er damit lediglich einen Gedanken in die Wirklichkeit umzusetzen suchte, der nicht nur der traditionellen Politik seines Heimatstaates vollkommen entsprach, sondern nach dem ganzen Gange der bisherigen Weltentwicklung als die natur-gemäßeste und einfachste Lösung der Verhältnisse überhaupt erscheinen mußte.39

  Wenn uns somit die allgemeinen Gesichtspunkte ebenso wie vorher die speziellen Beobachtungen über Hannibals Politik zu demselben Resultate hingeführt haben, daß das Ziel des großen Mannes die Herstellung eines politischen Gleichgewichtes im westlichen Mittelmeerbecken gewesen sei, so erübrigt nur noch, in ein paar kurzen Sätzen auf die wahrscheinlichen Folgen hinzuweisen, die ein Sieg des Hannibalschen Systems allem Anscheine nach für den Gang der Folgezeit gehabt haben würde.

  Man hat den Kampf zwischen Karthago und Rom vielfach als einen Rassenkampf zwischen semitischer und arischer Vorherrschaft aufgefaßt und gemeint, daß der Sieg der einen oder anderen Partei zugleich den Sieg der einen oder anderen Rasse herbeigeführt haben würde.40

Das ist doch nur in sehr beschränktem Sinne richtig.

  Wir sahen vorhin, daß der Sieg Karthagos, so wie Hannibal ihn wollte, keine Vernichtung Roms, sondern nur eine Beschränkung auf Mittelitalien bedeutete. Damit war natürlich zugleich die latinische Sprache in diesen Kreis gebannt und der Bestand der oskischen und griechischen Nationalität im Süden, der keltischen im Norden garantiert.

  Denn an eine Phönikisierung dieser Nationalitäten war in keinem Falle zu denken, bildete doch im karthagischen Gebiete selber das phönikische Element nur eine ganz dünne Oberschicht und umfaßte selbst in den dünn gesäten phönikischen Kolonien in Afrika ohne Zweifel nicht einmal die ganze Bevölkerung. Es mag ein Zustand gewesen sein, vergleichbar etwa mit den Verhältnissen in Städten wie Lemberg und Krakau im Mittelalter, wo auch die dünne deutsche Oberschicht längst den emporstrebenden unteren Volksschichten hat weichen müssen. In Hannibals Heere dürften kaum die höchsten Offiziersstellen mit eigentlichen Puniern besetzt gewesen sein; die große Masse waren durchaus Berber, Iberer, Kelten, Italiker und Griechen.41 Karthago hatte nicht wie Rom eine Nation hinter sich.

  Der vermutliche Gang der Entwicklung wäre unter diesen Verhältnissen ein ganz anderer gewesen als eine Phönikisierung.

  Der Riese an Einfluß und Macht in jeder kulturellen Beziehung war damals im Gebiete des Mittelmeeres der Hellenismus. Weltsprache war allein die griechische, Weltliteratur und Weltkultur gab es damals nur in griechischem Gewande. Das Phönikiertum war demgegenüber so gut wie das Italikertum von lediglich provinzieller Bedeutung. Daß diese Weltkultur und Weltsprache, die damals schon das ganze östliche Mittelmeerbecken umspannte und große Teile des westlichen beherrschte, sich nicht auch über den ganzen Westen ausgebreitet hat, wie das der natürliche Gang der Verhältnisse mit sich gebracht hätte, daran ist lediglich schuld, daß sich im Westen ein Einheitsstaat, eben der römische, durchgerungen hat, der, getragen von nationalem Hochgefühl und nationaler Kraft, es in der Tat durchsetzte, daß im Laufe von sechs Jahrhunderten seine Sprache als eine zweite gleichberechtigte Weltsprache neben die griechische treten konnte. Nur der Sieg Roms über Hannibal hat dies ermöglicht. Im entgegengesetzten Falle wäre im ganzen westlichen Becken des Mittelmeeres ein buntes Vielerlei von mehr als einem Dutzend kleiner Sprachprovinzen, wie sie damals bestanden, erhalten geblieben. In Italien allein kann man mehr als ein halbes Dutzend nicht nur dialektisch verschiedener Sprachen zählen, die bei ihrer geringen Ausdehnung und bei dem niedrigen Stande ihrer Kultur der griechischen Weltsprache keinen dauernden Widerstand hätten entgegensetzen können, sowenig wie sie sich im Laufe der Entwicklung dem kulturell weit niedriger stehenden lateinischen Einflusse zu entziehen vermocht haben, sondern einfach vom Erdboden verschwunden sind.

  Diese Reaktion des latinischen Sprachidioms gegen das griechische und seine ungemessene Ausdehnung über den ganzen Westen des Mittelmeeres, über Italien, Spanien und Gallien, wäre dann eben nicht erfolgt und eine allmähliche Ausbreitung der hellenischen Sprache in diesen Gebieten die notwendige Folge gewesen. Waren doch die Ansätze zu einer solchen Hellenisierung des Westens damals schon überall vorhanden und weit vorgeschritten. Fast ganz Sizilien und die Küste von Unteritalien waren griechisch. In Apulien und Kampanien war griechisches Wesen und griechische Sprache tief ins Innere eingedrungen, griechische Kolonien blühten überall an der Küste der Riviera und in Südfrankreich. Syrakus und Tarent, Neapel und Marseille, wo die Bevölkerung heutzutage kein griechisches Wort mehr spricht, waren damals fast rein hellenische Städte.

  Und auch die herrschende Stadt Karthago selber hatte ihre Pforten griechischem Wesen keineswegs verschlossen.42 Speziell Hannibal selber hat die Bedeutung dieser Weltsprache und Weltkultur voll erkannt. Er hat griechische Geschichtschreiber in seinem Lager gehabt, um seine Taten griechisch der Welt zu künden, und er hat es selber in griechischer Sprache so weit gebracht, daß er darin Staatsschriften abzufassen vermochte. Die große Inschrift über seine Taten, die er auf dem lakinischen Vorgebirge aufstellen ließ, war neben der phönikischen in griechischer Sprache abgefaßt.43 So waren bei einem Siege Hannibals alle Bedingungen vorhanden, daß im Laufe der Jahrhunderte der Osten und der Westen des Mittelmeergebietes mit Ausschaltung der lateinischen Sprache zu einer großen hellenistischen Sprach- und Kultureinheit zusammenwachsen konnten. Man wende nicht ein, daß das Griechentum ja damals schon im Niedergange begriffen gewesen sei und daher aus eigener Kraft eine solche Hellenisierung des Westens nicht habe durchführen können, so wie ja auch sogar im Osten die Hellenisierung, soweit sie überhaupt vollzogen worden sei, nur unter dem starken äußeren Schutze Roms und erst mit dem Weltfrieden der Kaiserzeit weiter ins Innere der Landschaften vorgedrungen sei. Denn die Ansicht von dem Niedergange des Griechentums ist — so will es uns wenigstens scheinen — lediglich eine Schlußfolgerung aus dem Untergange der politischen Selbständigkeit, den Roms überlegene staatliche Macht herbeigeführt hat, und läßt sich für das kulturelle und geistige Gebiet nicht aufrechterhalten. Das Überwiegen griechischen Einflusses auf fast allen Lebensgebieten in der römischen Kaiserzeit, wie es neuerdings mit Recht wiederholt hervorgehoben worden ist, läßt wohl am besten auf die unverwüstliche innere Gesundheit und Lebenskraft auch dieses späteren Griechentums schließen. Und was die äußere Möglichkeit der Verbreitung des Hellenentums angeht, so ist es ja richtig, daß Rom im Osten der starke Schild gewesen ist, unter dem es sich erst vollkommen entwickelte. Aber ebenso wahr ist es, daß Rom das nur geworden ist, weil es vorher das Hellenentum geschwächt, dessen eigene politische Organisationen zertrümmert und deren Aufgaben an sich genommen hatte. Wer kann behaupten, daß die hellenistischen Königreiche, wenn sie intakt geblieben wären, die Aufgabe, den Hellenismus zu vertreten und gegen den Osten zu schützen, nicht auch hätten lösen können?

  Wenn somit der Gang der Entwicklung, wie wir ihn in ganz allgemeinen Zügen zu skizzieren versucht haben, durch diese Einwendungen nicht berührt wird, so ist es anderseits vollkommen klar, welch unabsehbar tiefgreifende und zugleich vorteilhafte Veränderungen in kultureller und geistiger Beziehung diese Ausschaltung der störenden lateinischen Reaktionsbewegung für den ganzen Verlauf unserer Entwicklung gehabt haben würde, wie sehr die Einheitlichkeit und Einfachheit unserer Entwicklung durch das ganze Mittelalter hin und bis in unsere neueste Zeit hinein dadurch gewonnen hätte. Während anderseits durch den Sieg Roms und das Aufgehen aller Sprachen des westlichen Mittelmeerbeckens im Lateinischen eben jene Zwiesprachigkeit und jene Zerreißung in zwei disparate Hälften in unsere ganze klassische Bildung hineingekommen ist, die bis auf die Erziehung unserer Jugend hinab noch heute erschwerend und verwirrend in unser Leben eingreift.

  Das Scheitern von Hannibals politischen Plänen ist von diesem Standpunkte aus nicht nur als eine Tragödie anzusehen, die jeden empfindenden Menschen zu Mitgefühl mit dem großen Genie hinreißen muß, es ist auch vielleicht der härteste Schlag gewesen, den die Einheitlichkeit unserer Kulturentwicklung jemals erlitten hat.

 

 

 

 

1 Mit einigen Kürzungen als Vortrag gehalten zur Mommsen-Feier der Eranos Vindobonensis am 3. Dezember 1908. Die Form des Vortrages wurde beibehalten.

2 Th. Mommsen, eine biographische Skizze von L. M. Hartmann. Gotha 1908.

3 Ich nenne hier vor allem O. Gilbert, Rom und Karthago in ihren gegenseitigen Beziehungen 513—536 (241—218 v. Chr.). Leipzig 1876. G. Egelhaaf, Analekten zur Geschichte. Stuttgart 1886, bes. Stück 4 und B. Zuerst gedruckt in dieser Zeitschrift 1885, Hesselbarth, Histor.-kritische Untersuch. z. 3. Dek. des Livius, 1889 und O. Meltzer, Geschichte der Karthager, Bd. 2, Kap. 4. Berlin 1896. In des letzteren umsichtiger Untersuchung findet man auch am besten die sonst noch in Betracht kommende Literatur vereinigt. Sosehr diese Forscher auch in einzelnen Punkten auseinandergehen, so stehen sie sich doch in ihrer Gesamtauffassung in bezug auf die hier zur Erörterung kommenden Fragen nahe. Wo im folgenden keine Belege gegeben sind, ist auf diese Arbeiten zurückzugehen.

4 Röm. Gesch. IB 541. 563 ff.

5 Er bezeichnet III, 9, 6 „tòn Amìlxou timòn tou Bàrxa” als die vornehmste Ursache des Krieges mit Rom und steht auch in seinen weiteren Ausführungen durchaus auf dem entwickelten Standpunkte. Ib.9-13.

6 Für die folgenden Ausführungen vergleiche man O. Meltzers Geschichte der Karthager Bd. 1, z. B. S. 257. 263. 317; II, 225 u. sonst.

7 Meltzer I, 226; II, 87.

8 Liv. 22, 58, 7 ff.

9 Die folgende Darstellung schließt sich an an Egelhaafs grundlegende Untersuchung Analekten Stück 8, S. 170 ff. = diese Zeitschrift 1885. S. 456 ff.

10 Liv. 23, 33, 10: ubi debellatum esset, Italia omnis cum ipsa urbe Roma Carthaginiensium atque Hannibalis esset praedaque omnis Hannibali cederet; perdomita Italia navigarent in Graeciam bellumque cum quibus regi placeret, gererent; quae civitates continentis quaeque insulae ad Macedoniam vergunt, eae Philippi regnique eins essent. Man achte auf die unklare Fassung der letzten Worte, welche der Phantasie weitesten Spielraum lassen. Ähnlich Zon. IX, 4 (P. I, 423 D). App. Mak. 1.

11 Pol. VII, 9, 12.

12 Meltzer II, 392 ff.

13 Die Hilfssendungen des Bomilkar im Jahre 215 aus Afrika, des Hasdrubal und Mago aus Spanien zeigen ja die dauernde Übereinstimmung so wie anderseits die wiederholten Versuche Hannibals, einen Hafen zu gewinnen, eine sehr deutliche Sprache reden.

14 Appian Ib. 10, 3:  = Annib. 3. Meltzer macht II, 595 mit Recht darauf aufmerksam, daß die dauernde Anwesenheit karthagischer Ratsmitglieder bei Hannibal, wie sie z. B. beim Vertrage mit Philipp vorkommen, dessen Übereinstimmung mit der Regierung zur Voraussetzung hat. Die Übereinstimmung der karthagischen Regierung mit Hannibal findet sich ferner bezeugt Zon. VIII, I, 406 D. und Liv. 21, 11, 2, wo den römischen Gesandten in Karthago geantwortet wird: bellum ortum a Saguntinis non ab Hannibale esse; populum Romanum iniuste facere, si Saguntinos vetustissimae Carthaginiensium societati praeponat. Man vergleiche auch Gilbert a. a. O. S. 133 ff.

l5 So auch Polyb. II, 36, 4. Liv. 21, 5, 1.

16 Polyb. III, 13 ff. Meltzer II, 420.

17 Polyb. III, 14, 10.

18 Polyb. III, 27.

19 Das versteht sich von selber (man vergleiche den Vertrag Hannibals mit Philipp von Makedonien oben S. 248) und geht zudem daraus hervor, daß die Karthager bei den Verhandlungen 219, bei denen sie sich auf diese Verträge stützten, sie wiederholt vorlesen ließen, um zu beweisen, daß die Saguntiner in diesem Vertrage nicht genannt seien. Polyb. III, 21, 5.

20 Hauptstellen Polyb. II, 13, 5 f.; III, 15, 5. 21, 1. 27, 9. 29, 3. App. Ib. 7. Kurz vorher unter den àlloi Ellenes Empòrion genannt. Liv. 21, 2, 6 f.: Saguntinis ... libertas servaretur. Über die mit dem Ebrovertrag zusammenhängenden Fragen vergleiche man Gilbert S. 138 ff., Egelhaaf, Analekten Stück 4, Hesselbarth S. 83 ff. und Meltzer II, 408 ff.

21 Man vergleiche die Ausführungen Gilberts S. 144 ff. — Eine andere Auffassung vertritt Egelhaaf, Analekten S. 76 ff.; er meint, Rom habe schon vor dem Ebrovertrage heimlich mit Sagunt abgeschlossen und dann im Ebrovertrage selbst, so wie Polybios will, nur dieser Grenze Erwähnung getan. Wäre das richtig, so käme bei dieser Zweizüngigkeit die römische Diplomatie noch schlechter weg. Ähnlich auch Hesselbarth S. 91.

22 Polyb. II, 13, 6. Vgl. auch 22, 9.

23 Polyb. III, 15, 7. S. den Wortlaut  unten S. 260 Anm. 26.

24 Ich nehme dabei mit Gilbert S. 150 ff. an, daß erst bei Gelegenheit der schiedsgerichtlichen Intervention Roms in Sagunt nach dem Ebrovertrage die offiziellen Beziehungen zwischen beiden Staaten beginnen, da Polybios in seinem Referat über den Rechtsstandpunkt der Römer tà úpò `Romaìon legòmena (III, 29, 1) — als einzige wirkliche Tatsache dafür, daß die Saguntiner in der römischen pìstis gewesen seien, den Umstand anführt, daß sie Roms Intervention angerufen hätten (III, 30, 2). Wenn man sich auf weiter nichts stützen konnte — diese Tatsache war überhaupt kein Beweis für das frühere Vorhandensein eines Bündnisses zwischen Rom und Sagunt —, so existierte dasselbe überhaupt nicht. Auch Meltzer setzt II, 599 die Anknüpfung der Beziehungen nach dem Ebrovertrage an.

25 Polyb. I I I, 15, 2 ff. § 5. Diese Fassung der Nachricht läßt, wie auch Gilbert und Egelhaaf mit Recht betont haben, deutlich erkennen, daß es sich hier um die erste offizielle Mitteilung des Schutzverhältnisses handelt.

26 Polyb. III, 15, 7. In diesen Worten des Polybios ist allerdings nur von einer Rechtsverletzung gegen die karthagische Partei in Sagunt und nicht gegen die Karthager selbst die Rede. Das hat Hesselbarth S. 86 mit Recht hervorgehoben. Aber diese ganze Darstellung ist von römischer Auffassung der Sachlage beeinflußt. Auch die gleich folgenden Worte pàtrion gar einai Karkedonìois tò medèna ton adixoumènon perioran sind von einem Diplomaten wie Hannibal ganz gewiß nicht gesprochen worden. Sie wären eine Lächerlichkeit in seinem Munde.

27 App. Ib. 10. Wo bei diesen Grenzstreitigkeiten zwischen Torboleten und Saguntinern Recht oder Unrecht lag, wird man sich natürlich nicht mehr vermessen, entscheiden zu wollen. Den Standpunkt der Karthager vertritt lebhaft Gilbert S. 183 f.

28 Diese veranschaulichung des verhaeltnisses zuerst gegeben zu haben, ist das Verdienst von K. Neumann, Zeitalter der Punischen kriege S. 265.

29 Dio Cass. frg. 48 Boissevain.

30 Darauf hat besonders Meltzer II, 442 mit Recht aufmerksam gemacht.

31 Die Kolonien sind allerdings erst im Frühjahre 218 deduziert; aber die Absicht bestand schon lange vorher 8polyb. III, 40) und war nach dem traditionellen Verfahren der Roemer auf der Hand liegend.

32 Liv. 21, 7, 4 bis        15, 2. Viel nüchterner Polybios III, 17, 8 bis      10.

33 Liv. 21, 7, 2.

34 Gilbert S. 195 ff. Meltzer II, 423 f. 433 f.

35 Öhler, Neues Jahrb. f. Philol. Bd. 143 (1891), S. 424.

36 C. J. L. III, Suppl. 1892, S. LXXXIV u. 967. Meltzer II, 414. 601.

37 Die Belagerung dauerte acht Monate und begann ohne Zweifel mit Beginn des Frühlings. Polyb. III, 17, 9. Liv. 21, 15, 3. Der Zeitraum zwischen Fall der Stadt und Gesandtschaft ergibt sich daraus, daß die erst an den Iden des März abtretenden Konsuln des Jahres 219 Mitglieder der Gesandtschaft gewesen sind. Darüber sowie über die Debatten im Senat vergleiche man Meltzer II, 450 f. 606 f.

38 Die spätere politische Tätigkeit Hannibals nach dem Ende des Zweiten Punischen Krieges ist hier nicht mehr mit in den Rahmen der Betrachtung gezogen, weil seine Bemühungen damals zunächst nur der Zusammenbringung eines großen Bündnisses gegen Rom galten und aus ihnen über Hannibals positive politische Pläne nichts Neues zu erkennen ist. Ich habe mich über diese seine Tätigkeit in einem früheren Vortrage: Hannibal und Antiochos der Große (Neue Jahrbücher f. d. kl. Altertum 1907, Bd. 19, S. 681 ff.) geäußert und komme hier nur deshalb darauf zurück, weil neuerdings von K. Lehmann in der Delbrück-Festschrift 1908, S. 67 ff. Bedenken gegen meine Auffassung geäußert sind. Meine Ausführungen waren dahin gegangen, daß Hannibal mit dem Versuche, Antiochos zu einem Angriffe auf Italien selber zu veranlassen, nicht syrische, sondern karthagische Politik getrieben und daß Antiochos vom Standpunkte seines Reiches ganz recht gehabt habe, darauf nicht einzugehen. Lehmann meint dagegen, daß von Hannibals Politik auch „die Verbündeten” nur Segen hätten haben können (S. 83). Wenn Lehmann mit den „Verbündeten” die gesamte hellenistische Staatenwelt meinen sollte, so hat er vollkommen recht. Im Interesse der Erhaltung dieser Staatenwelt als Ganzes lag es, Rom mit geeinten Kräften niederzuwerfen und es auf den Stand von Gleichen unter Gleichen zurückzudrängen. Darin gingen hellenistische und karthagische Politik Hand in Hand. Für eine solche Politik war aber die erste Voraussetzung, daß sich die hellenistischen Staaten untereinander kein Unrecht taten, daß also speziell Antiochos auf jedes Eingreifen in Griechenland, Thrakien und Kleinasien, soweit dort makedonische Interessen vorhanden waren, verzichtete. Tat er das aber, so lag auch gar kein Konflikt mehr zwischen Rom und Syrien vor. In einem von allgemein hellenistischen Interessen getragenen Kriege konnte nicht Syrien, das als solches dann gar keine Reibungsfläche mit Rom hatte, der Führer sein, sondern nur Makedonien. Da konnte Syrien nur sekundieren. Wenn aber Makedonien, Achaja, Pergamon und Rhodos, die zunächst bedroht waren, keine hellenistische Politik trieben, wie kam dann Syrien dazu, für jene die hellenistischen Kohlen aus dem Feuer zu holen? Also entweder hellenistische Politik und Zurückhaltung Syriens hinter Makedonien, das man, wenn es in einen Konflikt geriet, so kräftig wie möglich unterstützen mochte, oder syrische Politik gegen Makedonien und Rom. In keinem Falle konnte von einem Niederwerfungskriege Syriens gegen Rom durch einen Angriff auf Italien die Rede sein.

Was die übrigen Ausstellungen Lehmanns anbetrifft, so sind sie gegenstandslos, weil ich hier von Anfang an Lehmanns Ansicht gewesen bin.

Lehmann meint, Antiochos habe bei seinem Vorstoße nach Griechenland die Absicht gehabt, das Land womöglich zu behalten. Natürlich! Wenn die Sache gut ging. Nachdem der Krieg einmal ausgebrochen war, verschob sich selbstverständlich das Streitobjekt, das ursprünglich nur Thrakien gewesen war. Ich gehe ja noch viel weiter, indem ich S. 694 sage, daß die Präponderanz im ganzen östlichen Mittelmeerbecken die Folge des Sieges der einen oder anderen Partei sein mußte. Als die Römer bei Magnesia gesiegt hatten, nahmen sie ja auch viel mehr, als sie ursprünglich verlangt hatten. Ferner habe ich gar nichts dagegen, daß man das Vorgehen des Antiochos nach Griechenland als strategischen Fehler bezeichnet. Ich sage ja selbst S. 695, daß man damit im Sinne der Strategie des Antiochos schon zu weit gegangen sei. Endlich habe ich nie behauptet, daß Hannibal seinen Angriff auf Italien als Diversion betrachtet habe, sondern nur, daß der Angriff das „im Sinne der Strategie des Antiochos” immer hätte bleiben müssen (S. 696). — Mit dem Gesagten erledigen sich zugleich die Einwürfe Delbrücks, Gesch. d. Kriegskunst Bd. 12, S. 418.

39 Es ist sehr charakteristisch, daß auch ein Mann von Rankes historischem Weitblicke ein friedliches Nebeneinanderbestehen von Rom und Karthago als durchaus denkbar bezeichnet hat (Weltgesch. II, 1, 200).

40 So z. B. E. Littré in seinem geistreichen Essay: Comment dans deux situations historiques les Sémites entrèrent en compétition avec les Aryens et comment ils y faillirent. 1879. Leipzig, Schulze (Extrait de „la philosophie positive").

41 Hauptstelle fuer die bekannte Tatsache Polyb. XI, 19, 4.

42 Ueber den Hellenismus in Karthago vergleiche man Meltzer z. B. I, 131. 313; II, 5. 113 u. sonst.

43 Nepos, Hannibal 13: aliquot eius libri sunt, Graeco sermone confecti, in iis ad Rhodios de Cn. Manlii Volsonis in Asia rebus gestis. huius belli gesta multi memoriae prodiderunt, sed ex bis duo, qui cum eo in castris fuerunt simulque vixerunt ... Silenus et Sosilus Lacedaemonius. atque hoc Sosilo Hannibal litterarum Graecarum usus est doctore. — Ueber die lakinische Inschrift Livius 28, 46, 16. — Hannibals griechische Bildung betont auch Dio frg. 54, 3 (Boissevain).